Finanz-Coaching
Ein neuer Begriff zieht seine Runden durch die Medien und in seiner Spur erleben wir heute eine expansive Trendfolge neuer Finanzcoaching Ansätze: die Geld-Dysmorhie.
Was ist Geld-Dysmorphie? Geld-Dysmorphie bezeichnet eine Diskrepanz zwischen der wahrgenommenen und der tatsächlichen finanziellen Situation einer Person – das heißt, dass man seine Finanzen zum Beispiel sehr viel schlechter einschätzt, als es eigentlich der Fall ist; das klingt banal, ist es auch. Mit Geld-Dysmorhie gemeint ist eine verzerrte Wahrnehmung der eigenen finanziellen Situation. Die eigene Wahrnehmung geht einher mit einer Einschätzung, mit einer Bewertung. Betroffene von Geld-Dysmorphie fühlen sich etwa ärmer oder auch reicher, als sie tatsächlich sind. Manche Menschen haben immer Geldsorgen, selbst solche Menschen, die über genügend Geld zu verfügen scheinen. Diese Sorgen beeinflussen nicht nur ihre finanzielle, sondern vor allem auch ihre emotionale und physische Gesundheit, indem sie Stress, Angst und sogar Depressionen verursachen können.
Im umgekehrten Fall zeigen Menschen, die sich einbilden, reich zu sein, gleichsam manische Züge, neigen zu einer Spieler- bzw. Zocker-Persönlichkeit, zur Verschwendungssucht und unkontrollierbarer Risikoneigung.

Wir sehen, solche Phänomene wie Angst und Sucht kann man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Zwar ist die Geld-Dysmorhie kein wissenschaftlich offiziell anerkanntes Krankheitsbild und wurde bislang nur wenig erforscht, aber mit den Folgen einer verzerrten Wahrnehmung und eines damit rational nicht kalkulierbaren Umgang mit Geld bekommen wir es immer öfter zu tun; also, tragen wir etwas zum Verständnis und zur „Heilung“ hier bei.
Zuallererst wechseln wir die Perspektive. Alle Ansätze des aufkommenden Finanz-Coachings gehen vom Individuum aus, vom Verhalten des Einzelnen in Bezug auf Geld und von der Wahrnehmung der eigenen finanziellen Situation. Die Perspektive ist somit eine individuelle wie das Verhalten eine gestörte Selbstwahrnehmung austrägt.
Aber alles, was mit Geld zusammenhängt ist im Grunde objektiv. Geld ist gewissermaßen das Obejktivste, was es überhaupt gibt. Das hat bereits Karl Marx erkannt und das Geld als universelles Äquivalent, als Maßstab für alles bestimmt.
Der Satz „Zum Golde drängt doch alles“ ist eine Abwandlung des berühmten Zitats von Johann Wolfgang von Goethe aus seinem Werk Faust I: „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles“, das von der Figur Gretchen gesprochen wird, wenn sie den Schmuck betrachtet, den sie sich wünscht und der ihr von Faust geschenkt wird. Es drückt die universelle Anziehungskraft und Bedeutung von Reichtum und materiellem Besitz aus und zeigt, wie menschliche Sehnsüchte, Wünsche und sogar Moral an Geld gebunden sind.
Heute ist unser gesamtes Leben durchkommerzialisiert. Alles hat seinen Preis. Für 1 Mio. USD erhält man das Bleiberecht für die USA, für etwas weniger die Liebe vieler Frauen (und Männer), wird man als Privatpatient oder als Hotelgast bevorzugt behandelt. Mit Geld zeigt man seine Bedeutung und seinen gesellschaftlichen Status, der auf feinen Skalen überall bewertet und verstanden wird. Eine teure Villa, ein teures Auto, ein Pferd und eine schöne Frau nebst hübschen, artigen Kindern, das macht was her. Alte Kleider, die Mode von gestern, ein rostiger Kleinwagen, kein Smartphone, schmutzige Kinderhände und eine kleine Wohnung in einem Viertel, wo meist Arme wohnen, sind heute noch Kriterien in den Datenbanken von Unternehmen, die die Kreditwürdigkeit u.v.a.m. gen Null herabsetzen.

Alle versammeln sich nun zum Kapf gegen die Geld-Dysmorphie. Urplötzlich sind sie da, sogar eine feministische Denklinie, hier zu finden. Natürlich auch eine akademische Linie, zahlreiche Banken und andere Geldinstitute bis hin zur Apotheken Umschau, alle habe etwas dazu zu sagen, was aber bei kurzer Lektüre schon auffällt ist, sie alle reden dasselbe bis in die Wortwahl und den Satzbau hinein.
Nun ja, zum Gelde streben halt alle hin, besonders jene, die mit diesem Streben wiederum ihr Geld verdienen möchten. Die Klientel wächst. Immer mehr, vor allem junge Menschen plagt das Gefühl, finanziell nicht genug zu haben – ca. 26 % der unter 25-Jährigen gelten als armutsgefährdet.
43 % der sog. Gen Z (also Menschen zwischen ungefähr 15 und 30 Jahren) und 41 % der Millennials (ca. 30 – 45 Jahre) leiden unter jenem Sorgen-bereitenden Phänomen der klingenden Münze, deren Lied so verführerisch klingt wie der Gesang der Siren.
Was heute zum Gesang der Siren hinzukommt ist der Chor der sozialen Medien. Das hohe Lied, welches dort gesungen wird, ist das Lied des Konsums und des Besitzes, von Reichtum, Luxus, Wohlstand, und wie man so einfach wie möglich, jedenfalls mit geringster Arbeit und Einfallsreichtung nebst Engagement zu den Wohltaten unserer sozialen Ideale kommt: Anerkennung, Respekt, Bewunderung, Neid usw. Laut Finanzinstitut Intuit Credit Karma sind ca. 45 % der Gen Z und der Millennials fokussiert darauf, reich zu werden, befinden sich selbst bereits im materiellen wie zeitlichen Verzug gegenüber anderen, die bereits mehr als sie selbst haben.
Das macht Druck und verkürzt die Zukunft, denn gleichziehen mit den anderen will nicht warten und hier liegt das Einfallstor für die zahllosen Takt- und Kommandogeber an den Finanzmärkten. Und wer es nicht schnell schafft mit dem finanziellen Erfolg, ist eben dumm oder ein Versager.
Jenen, die es geschafft haben oder bald schaffen werden, winken in unserer durchkommerzialisierten Welt zwei Wege zum Glück: Konsum und Besitz. Schon ein wenig mehr davon lässt einen in die Mittelschicht aufsteigen, wo man sich nicht mehr in der Kneipe trifft, sondern in fancy Restaurants, wo man etwas teurere Wein trinkt und kein Bier oder billigen Fusel. Wo man nicht mehr Urlaub macht, sondern auf Reisen geht, Individualreisen in fernere Länder oder an Bord eines Luxusschiffs mit all-inklusive Versorgung 24h.
Was gibt es noch außer Konsum und Besitz?
Immerhin notiert die Studie, dass mehr als die Hälfte der Gen Z und der Millennials anscheinend den alten Idealen nicht natlos auf den Schritt folgen. Befragte man die Gen Wirtschaftswunder, säher hier das Ergebnis deutlich schlechter aus zwischen Eltern und Kindern. Wo sind die Ideale außerhalb von Konsum und Besitz? Ist es die wahre Liebe, die nichts kostet, die Hilfsbereitschaft, Nachbarschaftshilfe, das Ehrenamt, ein Gespräch, ein Buch (das kostet fast nichts heute), der Gemeinnutzen, die Non-Profit-Organisation..? Einst gab es einen Begriff in der Ökonomik für einen öffentlichen Nutzen, also einen Nutzen, der innerhalb einer Gemeinschaft jedem zugänglich und kostenlos ist: die Allmende.
Heute gibt es sie kaum noch; leider, gleichwohl die sog. Küchen und die Kleiderkammern, die verschiedenen Orte, soziale Treffpunkte usw. hier nicht unerwähnt bleiben sollen.
Erste Hilfe bei pathogener Geldsucht.
Geld kann diesen Suchtcharakter haben, man hat zuviel oder zuwenig in seiner verzerrten Wahrnehmung. Hier hilft nicht, wie sonst so oft, ein finanzieller Realismus. Kein Tagebuch mit Ein- und Ausgaben, kein Umsatzjournal oder Haushaltsbuch. Denn mit all dem hat die pathogene Sucht nichts zu tun. Sie liegt im Ideal, in der Vorstellung, das materielle Werte die Skala der sozialen Anerkennung bestimmen, dass, wenn ich mir mehr und Besseres im Konsum und privaten Besitz leisten kann, auch die soziale Anerkennung (oder der Neid als die extreme Form der umgekehrt reziproken Anerkennung) dieser Skala folgt.
Wir kennen Menschen aus den Medien, die sogar glauben, dass sie so weit ober auf der finanziellen und sozialen Wertskala stehen, dass für sie selbst Gesetze und politische Macht keine Geltung mehr haben; nicht ganz zu Unrecht sprechen wir in diesem Zusammenhang auch von eine hoch-pathologischen narzistischen Störung und das Symbol der Kettensäge, mit der alle Verbindungen zur Gesellschaft, ihren Institutiuonen und Repräsentanten zersägt werden, passt augenfällig hier in Perfektion.
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